Habeck: Schüler sollen „möglichst früh“ Start-ups kennenlernen

Die Bundesländer sollen ihre Schulen verpflichten, Informatikunterricht ab der 5. Klasse anzubieten. So will es ein Papier aus dem Bundeswirtschaftsministerium, das Bildung.Table vorliegt. In dem Konzept regen Robert Habecks Beamte an, dass Schülerinnen und Schüler beizeiten Start-ups kennenlernen mögen. Wörtlich heißt es, „Unternehmerinnen und Unternehmer von morgen sollen möglichst früh mit Start-ups in Kontakt kommen.“ Dieser Wunsch wird von Start-ups und sogar vom bildungspolitischen Sprecher der Opposition unterstützt. Das Ansinnen von Wirtschaftsminister Habeck (Die Grünen) steht allerdings dem diametral entgegen, was die Schulminister:innen seit Beginn der Pandemie praktizieren. Sie halten Bildungs-Start-ups aktiv von den Schulen fern. Zunächst hatte der Spiegel über die neue „Start-up-Strategie der Bundesregierung“ berichtet.

Das jüngste Beispiel für die Blockade von Start-ups wurde gerade bekannt. Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Karin Prien (CDU), äußerte sich explizit ablehnend zu dem derzeit wichtigsten Start-up Europas: der Optima-Online-Schule der Ukraine, bei der über 100.000 Schüler:innen kostenlos lernen, darunter Zehntausende Geflüchtete. Die Schulminister haben inzwischen beschlossen, private ukrainische Online-Schulen nicht zu fördern. Und zwar, weil sie privat sind. Auch Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger unterstützt diese Linie in einem Brief, der Bildung.Table vorliegt. „Aspekte des Schulunterrichts ukrainischer Geflüchteter“, so schreibt die FDP-Ministerin, „liegen grundsätzlich in der Zuständigkeit der Länder.“

Falsche Angaben über ukrainisches Start-up Optima

Die Kultusminister scheuen nicht davor zurück, mit unlauteren Methoden vorzugehen. In dem Kriterienkatalog der „Taskforce Ukraine, den Bildung.Table einsehen konnte, machen die Autoren über Optima falsche Angaben. Etwa werden verschiedene Preismodelle dargestellt, unter denen Schüler:innen bestimmte Möglichkeiten der Teilnahme an Optima haben. Was in dem Katalog nicht steht: Alle Preismodelle sind im Krieg außer Kraft gesetzt, jede:r ukrainische Schüler:in kann den vollen Umfang der Online-Schule nutzen – und zwar umsonst.

Optima hat sich inzwischen sogar eine gemeinnützige Unternehmensform gegeben. Nachfragen beim Leiter der Taskforce Hans Beckmann sind bei dem Thema nicht möglich. Auch der Kriterienkatalog ist wieder als Geheimpapier gekennzeichnet: „Nur zur internen Verwendung! Nicht zur Veröffentlichung vorgesehen!“ Die KMK äußerte sich weder zu dem Kriterienkatalog noch zu Habecks Start-up-Strategie. Sie liege ihr noch nicht vor, sagte ein Sprecher. 

Informatikunterricht und Start-ups für Schüler

Das 28-seitige Papier aus dem Bundeswirtschaftsministerium, das Ende vergangener Woche zur Abstimmung an Bundesministerien ging, regt eine Vielzahl von Maßnahmen an. Dazu zählen eine bessere Finanzierung, die Erleichterung der Talentsuche sowie den besseren Zugang von Daten durch Start-ups.

Der Absatz zu Schulen gehört zum Kapitel Talente. „Die Bundesregierung wird den Dialog mit den Ländern zur Bildung intensivieren“, heißt es dort wörtlich. „Sie wird sich dafür einsetzen, dass Informatikunterricht ab der Sekundarstufe I verpflichtend eingeführt wird.“ Die Vielfalt der digitalisierungs- und technologiebezogenen Berufsfelder solle Schule künftig „umfassend und klischeefrei vermitteln“. Diese Stelle wird allgemein als Seitenhieb auf die Kultusminister gelesen. Seit Mai 2020 ignorieren Bund und Länder das Angebot der Edu-Start-ups, gemeinsam über digitale Bildung nachzudenken. 

CDU: Start-ups brauchen „staatliche Aufträge“ der Schulminister

In der Szene der deutschen EdTechs wurde das Papier wenig überraschend begrüßt. „Ich finde, dass das einen sehr guten und runden Eindruck macht“, sagte Peter Ganten, Vorsitzender des „Bundesverbandes Digitale Souveränität“, zu dem Papier. Ganten hatte sich kürzlich sehr kritisch zu den nicht gehaltenen digitalpolitischen Versprechen der Bundesregierung geäußert. Selbst der Start-up-Beauftragte der Regierung Merkel, Thomas Jarzombek (CDU), lobte das Papier. „Junge und innovative Unternehmen sind die Zukunft unserer Wirtschaft. Daher ist es gut und wichtig, dass das Wirtschaftsministerium hier einen Schwerpunkt legt.“ Der Oppositionspolitiker wies gegenüber Bildung.Table darauf hin, dass die Start-up-Strategie eine Fortschreibung seiner Politik sei. Er sei daher gespannt, „ob unsere Steigerung des öffentlichen Wagniskapitals nun fortgesetzt wird.“ 

Jarzombek legte zugleich die Finger in die Wunden der Kultusminister wie des Digitalpakts. „Neben Wagniskapital sind strategische staatliche Aufträge für Start-ups super wichtig„, sagte der CDU-Politiker. Dieser Weg sei auch im Bildungsbereich notwendig. Aber genau das findet derzeit nicht statt: Start-ups können nicht am Digitalpakt partizipieren. Und nicht einmal im Krieg werden funktionierende Portale gefördert – weil sie Start-ups sind. Viel zu tun für Robert Habeck. 

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