„EdTechs von Castrop-Rauxel bis Catania“

Europas Bildungs-Start-ups vernetzen: Tobias Himmerich von Eduvation veranstaltet den
Europas Bildungs-Start-ups vernetzen: Tobias Himmerich von Eduvation veranstaltet den „EdTech Next“-Gipfel in NRW.

Herr Himmerich, Sie veranstalten in drei Wochen den EdTech Gründer-Summit in NRW, genauer in Bielefeld. Wird das wieder eine der Konferenzen, auf der darüber gejammert wird, wie schrecklich weit Deutschland in der Digitalisierung zurück ist? 

Wir wollen nicht jammern, sondern jubeln. Wir vernetzen Bildungs-Start-ups – und die, die es werden wollen. Unser Auftrag ist, in Nordrhein-Westfalen ein Event zu veranstalten, bei dem sich die EdTechs untereinander austauschen. 

Heißt das, dass nur Gründer, EdTechs und Schul-Veränderer aus NRW dabei sind? 

Nein, wir sollen ausdrücklich die europäische Szene ansprechen. Die Idee ist, eine Leuchtturmkonferenz zu machen, die nicht nur in Castrop-Rauxel und Wanne-Eickel interessiert, sondern die für pädagogische Digital-Reformer von Paris bis Kiew und von Helsinki bis Catania Strahlkraft besitzt. Das wird auch keine Eintagsfliege. Wir werden jetzt mindestens drei Jahre lang ein solches Event veranstalten. 

Gipfel ohne Diskussion über die Definition von Bildung

Kommen Sie damit nicht ein bisschen spät? Bei der größten Messe der Bildungswirtschaft Europas, der Didacta, breiten sich inzwischen selbst in der Haupthalle die EdTechs aus. 

Ich glaube, dass die Digitalisierung auch bei der Bildung gerade erst richtig losgeht. Ich finde gut, dass die Didacta digitaler wird. Nur ist unser Schwerpunkt mit dem Summit ein anderer: Wir richten uns explizit an die Tech- und die Gründerszene – ohne natürlich die Politik, die Verwaltung und die Pädagogik auszugrenzen. Aber wir wollen keine zweite Didacta sein, auf der vor allem Lehrkräfte im Mittelpunkt stehen.

Aber gehören nicht Lehrer, Techies und Politik an einen Tisch, wenn es um die Digitalisierung des Bildungssektors geht?

Klar. Aber es soll eben nicht wieder dasselbe Event sein, das so oft stattfindet: theoretische Diskussionen über die Definition von Bildung, Streit unter Pädagogen über didaktische Fragen. Zwei Schulleiter sind dafür, fünf Schulleiter haben eine andere Idee. Es geht da immer viel um müsste, könnte, sollte – und dann rennen alle wieder auseinander, ohne dass was passiert. Aber natürlich haben wir alle Stakeholder eingeladen, und es sind auch noch Plätze frei.

Woher kommt das Geld, mit dem Sie den EdTech-Summit veranstalten? 

Das stammt aus dem Wirtschaftsministerium in NRW. Die EdTech Next-Initiative ist eine Kooperation von Eduvation und der Founders Foundation. Zum einen wird es ein Förder-Programm geben, zum anderen eben den Gründer-Gipfel „EdTech Next Summit“ in Bielefeld. 

Erster Inkubator nur für Bildungs-Start-ups

Was ist, wenn ich mich als Gründer mit einer Bildungs-Idee melde – und gar nicht aus NRW bin? Darf ich dann nur zum Kongress kommen, bekomme aber keine Unterstützung für meine Idee? 

Es kann und soll zunächst jeder zur EdTech-Next kommen! Egal woher, ob aus ganz Deutschland oder dem europäischen Ausland, alle bildungsaffinen Digitalisten sind eingeladen, sich dort zu vernetzen und vom EdTech Next-Programm zu profitieren.

Die deutschen EdTechs sind in den beiden Pandemiejahren beinahe leer ausgegangen. Im Digitalpakt des Bundes wurden sie glatt vergessen, und auch die Kultusminister ignorieren funktionierende Portale – oder blocken sie ab. Was ist das Förderschema des neuen Programms? 

Das ist ein Inkubator-Programm für EdTech-Start-ups. Das heißt, das Land will mehr EdTech-Gründungen in NRW haben. Wir holen die Leute nach NRW, damit sie einander kennenlernen und vernetzen. Und dann sind die Gründer gefragt – und die Founders-Foundation. 

Gibt’s nicht alle naselang Inkubator-Programme?

Nicht für Bildungsreformer. Die EdTech-Next-Förderung durch das Land NRW ist tatsächlich die erste wirklich auf Bildungs-Start-ups fokussierte Förderung in Deutschland. Das heißt, es geht nicht um Impact-Start-ups, wo nebenbei ein bisschen Bildung gefördert wird. Es ist auch keine allgemeine Start-up-Förderung, sondern speziell aufgelegt für jene, die im Bildungsmarkt ihre Mission sehen.

„Die Gründer wollen Schule besser machen“

Wer wird alles dabei sein?

Weit über 1.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben sich zum Summit angemeldet. Das sind größtenteils Gründerinnen und Gründer. Als Highlight haben wir viele erfolgreiche Start-ups, alle Großen von Bettermarks bis Sofatutor, die ihre zum Teil zehnjährige Geschichte erzählen. Der Gründer und derzeit kapitalstärkste Akteur Europas, Felix Ohswald von GoStudent, hält eine Keynote. Für den politischen Teil werden die Europäische Kommission, der Europarat und die OECD vor Ort sein. Die wissen, wie man von europäischer Seite her unterstützen und helfen kann. 

Gibt es so etwas wie eine Kategorisierung der Märkte? 

Die Schwerpunkte sind Corporate-Education und natürlich Schule. Konkret heißt das, dass große Unternehmen wie Siemens oder Bertelsmann vor Ort sind. Sie können den Gründern Hinweise geben, wie EdTech-Start-ups auch bei Unternehmen Kunden gewinnen. Aber im Vordergrund steht der Schulbereich. Das ist das Feld, wo die meisten Gründer mit ihrem Produkt etwas verbessern wollen. 

Ist das nicht naiv? Die Kultusminister haben selbst das Start-up Optima aus der Ukraine hängen lassen – trotz des Kriegs und obwohl es monatelang kostenlos zu nutzen war. Warum sollten die jetzt Start-ups, die im Schulbereich eine Disruption auslösen wollen, mit offenen Armen empfangen?  

Keine Frage, der deutsche Schulmarkt ist eine Zitadelle. Aber auf der anderen Seite sehen wir ja, wie schwer sich die Kultusminister und die Schulbürokratie tun, ein gutes Bildungsangebot für alle Schüler zu ermöglichen. Wettbewerb tut denen, glaube ich, ganz gut.

Tobias Himmerich ist Berater und Geschäftsführer von Eduvation, das Start-ups während des Eintritts in den Bildungsmarkt begleitet.

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