Didaktik vor Technik

„Ich bin nicht die Schulministerin“, stellt Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger bei der Konferenz Bildung Digitalisierung klar.

Das Forum Bildung Digitalisierung der Stiftungen hat die digitale Didaktik entdeckt. Nicht mehr die digitale Infrastruktur in Form von Tablets, Breitband, WLAN, Lernmanagement-Systemen steht nun im Fokus. Vielmehr geht es jetzt um Softskills und „Taking Charge“, wie die große Jahreskonferenz überschrieben war. Auf Deutsch: Verantwortung übernehmen. So jedenfalls übersetzte es Jacob Chammon, der das Forum Bildung Digitalisierung seit 2020 leitet. Andere würden sagen, die Führung übernehmen. Diese Theorie wurde auf der Konferenz mit einer Vielzahl an Praxisbeispielen untersetzt. Sie reichten vom freien Lernen über Sexualaufklärung per App bis hin zu „Datenschutz als Empowerment“.

Freilich ergibt sich ein höchst gemischtes Bild, wenn man die Gutachterin, die Praktiker und die Verantwortungslosen in den Blick nimmt, die sich im Berliner Café Moskau versammelt hatten.

Borggräfe: Struktur des Schulsystems nicht anfassen

Die Gutachterin war Julia Borggräfe, Co-Direktorin der Unternehmensberatung Metaplan. Sie projizierte ein buntes Wimmelbild der Zuständigkeiten im Schulwesen an die Tafel. Es habe ihr schlaflose Nächte vor der Präsentation bereitet – weil es so kompliziert ist, weil es so verantwortungslos ist. Dennoch warnte Borggräfe: Fassen Sie die formale Struktur des Schulsystems nicht an. Das sei hoffnungslos. „Da brauchen Sie 30 Jahre, um das zu verändern.“ Borggräfe riet ausdrücklich vom Versuch der Revolution ab.

Forum Bildung Digitalisierung
Zuständigkeiten im Schulsystem: Julia Borggräfes Wimmelbild.

Der Tipp der Juristin bestand in einer Art organisatorischen List: Umgehen Sie das System mit thematischen Projekten, empfahl sie den ungefähr 450 Teilnehmern des Kongresses. „Beziehen Sie Lehrkräfte bei der Gestaltung von Rahmenbedingungen gelingender Interaktion ein. Gestalten Sie Lehrinhalte gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern – und schaffen Sie Freiräume für individuelles Lernen.“ Da lächelte der Bildungschef von Greenpeace, Thomas Hohn. Denn das ist die Theorie zur Praxis, wie Greenpeace sein Programm „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ in den Schulen gestaltet.

Praktiker: Lerngegenstände mit Schülern entwickeln

Die Praktikerinnen stellten Projekte vor, die gut zur Veränderungstheorie der Metaplanerin passten. Eva Stolpmann präsentierte das prozessorientierte Schreiben einer sechsten Klasse in Bayern, das Entwickeln von Experimenten in Physik/Chemie und die Jagd von Schülern nach einem Puma in Bayern. Allen diesen Projekten, die im Rahmen des bayerischen Schulversuchs Modus unter der Überschrift „innovative Prüfungskultur“ liefen, ist etwas eigen. Sie erfüllen Borggräfes Wunsch, Lerngegenstände gemeinsam mit den Schülern zu gestalten.

Christine Skupsch von der Frankfurter Gesamtschule am Ried hatte zwei ihrer Schüler mitgebracht. Konrad und Elena stellten ein Projekt vor, in dem sie für eine Informatik-Klausur den Programmiercode nicht mehr handschriftlich auf Papier erledigten – so ist das vorgeschrieben in Hessen. Vielmehr ließ Skupsch die Schüler die Software für einen Lieferservice als sogenannte Klausurersatzleistung real programmieren. Man müsste das Projekt genauer betrachten, aber interessant sind die Sätze, die die Schüler darüber sagen. „Zusammen mit anderen kann man über seine eigenen individuellen Grenzen hinauswachsen“. „In Kooperation kann ich alles schaffen, was ich will, weil unser Team immer wieder Verbesserungsvorschläge macht.“

Schüler entfalten ihr Potenzial in Projekten

„Schüler:innen entfalten ihr Potenzial in Projekten, bei denen sie im Fokus stehen und Freiraum für Kreativität haben“, sagte Christine Skupsch zu Bildung.Table. „In Teamwork erledigt jeder verantwortungsvoll seine Aufgabe. Gemeinsam erzielen sie ein besonderes Ergebnis und übertreffen ihre Grenzen.“

Das hört sich traumwandlerisch an. Nur muss man genau hinhören. Es ist die formale Struktur des Schulsystems, die Borggräfe, Skupsch, Stolpmann, Elena, Konrad und viele andere austricksen wollen. Nur schlägt dieses System immer wieder zurück. Eva Stolpmann aus Bayern berichtete, „dass die Lehrer genau festlegen, wie die Aufgabenstellung eines offenen Projektes aussieht – damit wirklich alle kollaborieren können.“ Die Lehrkräfte tun das, damit sie jedem einzelnen Schüler auch bei Teamarbeit eine exakte Note zuweisen können. Nur ist dann das Projekt kein Projekt mehr, sondern, wie Stolpmann es ganz richtig ausdrückte, ein wochenlang exakt geskriptetes Projekt-Drehbuch.

Stark-Watzinger: „Ich bin nicht die Schulministerin!“

Die verantwortungslose Zuständige: Bettina Stark-Watzinger, Bildungsministerin des Bundes, machte gleich zu Beginn klar, dass sie für das alles gar nicht zuständig ist. „Ich bin nicht die Schulministerin!“. Die Bundesländer haben der FDP-Frau offenbar schon gezeigt, wer den Ton angibt. Eine anwesende Ministerialbeamtin aus einem Bundesland sagte halb spöttisch, halb amüsiert: „Die hat nichts zu sagen, und das weiß sie auch.“ Da war sie wieder, die organisierte Verantwortungslosigkeit. Sie macht den Schulleitern das Leben schwer. Vielleicht kommt es so weit, dass sie irgendwann Jacob Chammons Konferenz-Motto „Taking Charge“ wörtlich nehmen. Es bedeutet auch: an die Macht kommen, die Macht übernehmen.

Die große Digitalisierungskonferenz vollzog dieses Jahr die didaktische Wende. Dass Technik aber auch eine Rolle spielt, sah man – nicht zum ersten Mal im Café Moskau – schon bei der Eröffnung. Als die kommende Präsidentin der Kultusministerkonferenz Astrid-Sabine Busse ihr Grußwort per Videobotschaft überbrachte, fror die Leitung ein. Kurz bevor die Senatorin sagen konnte: „Wir sind unterwegs und oft mit ziemlich großer Geschwindigkeit.“

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