„Das Schulsystem hat keinen Kopf“

Daniel Bialecki, Ex-CEO von Scoyo
Will sich auch ohne Lehrer-Studium für eine bessere Schule engagieren dürfen: Daniel Bialecki

Herr Bialecki, gerade ging der große Hackathon „Wir Für Schule“ zu Ende (Bildung.Table berichtet). Dagegen wurde Kritik, teils beißende Polemik von Leuten geübt, die sich selbst als Schulreformer sehen. Können Sie uns erklären, was ist da los ist? 

Daniel Bialecki: Ich finde es wirklich schade, dass es in Schulfragen hierzulande einfach keine Gemeinsamkeit gibt. Das liegt daran, dass es in Deutschland immer drauf ankommt, wer die Deutungshoheit übers Lernen hat. Wer besitzt überhaupt das Recht, über Bildung zu sprechen? Das ist sehr wichtig, und hier wird ganz klar differenziert, ob das Privatpersonen und Entrepreneure oder richtige Lehrer und solche Leute sind, die einen offiziellen Bildungsauftrag besitzen. 

Das heißt, die einen sind weniger wert als die anderen?

Es existieren definitiv Lager, die sich gegenseitig nicht akzeptieren. Dabei wäre es natürlich hilfreich, wenn wir das Beste aus jeder Welt holen und wirklich zusammenarbeiten würden. Nehmen wir es positiv, es ist sehr viel Bewegung im System.

Einer der Stars des Twitterlehrerzimmers hat in einem Video zur Nachhilfemilliarde gesagt: „Gebt das Geld bitte nicht den Leuten, die dafür sorgen, dass wir heute überhaupt Nachhilfe brauchen. Das wäre wirklich das Allerfalscheste.“ Er meinte die digitalen Bildungsanbieter. Kann man das denn so sagen?

Ich schätze Axel Krommer sehr, weil er ein sehr reflektierter Mensch ist. Hier hat er überzogen. Wenn es Lernlücken gibt, sind die ja an einer Stelle entstanden, wo etwas hätte sein sollen. Bildung zu den Kindern zu bringen, ist aber fast exklusiv Aufgabe der Schule. Uns digitalen Bildungsanbietern nun vorzuwerfen, wir seien dafür verantwortlich, ist tatsächlich absurd.

So unsinnig der Vorwurf ist, hat er in Bezug auf die Qualität mancher Bildungs-startups nicht einen Punkt?

Natürlich ist es so, dass nicht alle digitalen Bildungsangebote gut sind. Manche haben Mängel in der Qualität, andere sind nicht gut in der Adressierung von Kompetenzaufbau. Darüber muss man sprechen. Nur darf man die gravierenden Mängel der Schule nicht auf die Digitalisten schieben, die – bis auf wenige Ausnahmen – gar nicht in die Schule dürfen. 

Wo liegt Ihrer Ansicht nach das Problem des Schulsystems?

Dass das System sehr sehr krank ist, aber keinen Kopf hat. Man kann so ein komplexes und großes System sowieso nur schwer verändern. Leichter wäre es aber, wenn es eine zentrale Stelle gäbe, die erreichbar ist und eine gewisse Veränderungswilligkeit und Kompetenz hätte. Das finden wir bei uns im Deutschen Bildungssystem nicht vor. Das verästelt sich unglaublich und schlängelt bis zur Unendlichkeit und Wirkungslosigkeit vor sich hin.

Und was hat die Corona-Krise verändert? 

Wenn ich ein Bild benutzen wollte, wäre es dieses: wir haben einen sehr kranken Patienten, der eigentlich schon jahrzehntelang bei uns herumliegt, nämlich das Bildungssystem. Und auf einmal sehen es alle: „Huch, der ist ja immer noch da“. Und ihm geht es wirklich super schlecht. Das ist mit Corona wieder zur allgemeinen Beachtung kommen …

… und hat große Reformbemühungen ausgelöst, etwa die Ausstattung aller Schulen mit Lernmanagementsystemen. 

Ja, es ist wirklich gut, was im Moment passiert. Auf einmal ist ein großer Veränderungswille da. Die Politik hört zu, sie hört auch bereiter zu als früher. Auf einmal ist zudem Geld im System, das irgendwo versucht wird, sinnvoll einzusetzen und das durch die Länder und den Föderalismus mäandert. Dadurch ist die Aufmerksamkeit größer. Es kommen natürlich noch mal mehr Protagonisten zusammen – die unterschiedliche Interessen und Auffassungen haben. 

Wundert Sie das? 

Nein, zu einer Debatte über eine so wichtige Frage wie die Zukunft unserer Kinder gehört auch Streit. Aber die angesprochene Lagerbildung ist toxisch. Das, was Verena Pausder passiert im Kontext mit dem Hackathon „Wir für Schule“, ist bitter. 

Der Vorwurf, am Montag in der SZ formuliert, lautet, dass nur Verena Pausder von der öffentlichen Wahrnehmung profitiere. 

Das Gegenteil ist in meinen Augen richtig. Verena Pausder hat sehr viel für die Aufmerksamkeit von Bildung getan. Sie hat die Probleme der Bildung in verschiedene Wahrnehmungsräume hinein geöffnet, die wir in der Gesellschaft haben. Ich finde die Anwürfe noch aus einem anderen Grund ungerecht – ich als Person.

Warum, sind auch Sie beschimpft worden? 

Es war einer der Gründe meines Ausstiegs bei Scoyo, und durchaus ein wichtiger. Ich habe teilweise ziemlich darunter gelitten, dass man für gute Arbeit, die Hunderttausenden von Schülern und auch Eltern hilft, einfach keine Anerkennung bekommt. Im Gegenteil. „Ah, der CEO von ˋnem Startup, da brauchen wir gar nicht erst weiter reden“ – so ein Verhalten erlebt man ständig. Ich lebe ein normales Leben. Ich möchte, dass Bildung besser wird. Aber ich möchte nicht in eine Ecke gestellt werden – nur weil ich kein Pädagogik-Studium absolviert habe. 

Sie haben aufgegeben?

Nein, ich bleibe engagiert. Nur bin ich jetzt in der Lage, offen zu reden, weil ich kein Unternehmen mehr vertrete, das leiden könnte, weil ich Klartext spreche. Ich kann jetzt frei für die Bildung stehen und vielleicht Gruppen zusammen führen. 

„Wir für Schule“ war ja der Versuch, Leute zusammenzubringen – auch weil die Kultusminister und der Bund den geplanten Bildungsrat ruiniert haben. Wie könnte man eine Art freien Bildungsrat zusammen bringen?

Ganz einfach: reden. Miteinander reden. Regelmäßig reden. Wir müssten ein Austauschformat gründen, in dem die relevanten Köpfe freiwillig alle vier Wochen zusammensitzen. Leute aus der Pädagogik, Lehrer, alle Menschen, die sich gerne engagieren möchten, die Leute aus der Wissenschaft – und natürlich auch die EdTech-Unternehmer. Oder glaubt jemand, man könne in einer digitalen Welt auf deren Know-how verzichten? 

Was ist das drängendste Problem von Schule, über das sie dort reden wollten? 

Vielleicht sollten wir nicht mit Problemen anfangen, sondern mit den Leuchttürmen dieses Sommers. Wir könnten uns die Lehrer und Schulen, die gut durch die Pandemie gekommen sind und die tolle Lösungen erarbeitet haben, genau anschauen. Ich glaube, dass wir da sehr viel lernen – und ihre Ideen verbreiten könnten.

Kennen Sie gute Konzepte, die Schulen geschaffen haben?

Da ist ein echter Schatz entstanden. Aus meiner Sicht ist es jenen Schulen gut gelungen, die das kommunikative Problem und das soziale Miteinander mit den Kindern gelöst haben. Es gibt sehr schöne Beispiele, wo Schulen sich morgens in einer Videokonferenz mit den Kindern über den Tagesplan ausgetauscht haben. Dann sind die Schüler für ein paar Stunden an diese Aufgaben gegangen. Der Lehrer waren aber per Video jederzeit ansprechbar. 

Was sind die Gemeinsamkeiten solcher Schulen?

Dass sie selbständigem Arbeiten mehr Raum geben. Und die Kommunikation anders wertschätzen, also letztlich das Soziale. Wenn wir uns betrachten, was gute Schulen in der Pandemie ausgezeichnet, dann war es die soziale Komponente. Das ist eigentlich selbstverständlich. Wenn wir ehrlich sind, war das bisher aber nicht der wichtigste Aspekt guter Schule. 

Daniel Bialecki (50) war Geschäftsführer der adaptiven Lernplattform Scoyo und hat sich als Berater selbständig gemacht.

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